Amazonas – mittendrin statt nur dabei

01./ 02. September 2015

Ankunft in Manaus und Weiterreise in den Urwald 

Nachdem wir die Ilha Grande hinter uns gelassen haben und Andi hierbei mit vollem Einsatz alle benötigten Informationen zum Transfer aus dem nicht englisch sprechenden Organisator, der nach der Übergabe der Fähr-Scheine zu einer Telefonzelle ging und Andi ihm hinterher rannte und dort das Telefonat mit der Agency direkt übernahm, herausgekitzelt hat, setzen wir dieses Mal nicht nach Angra dos Reis, sondern nach Conceição de Jacarei über. Dort wartet ein Van, der uns nach Rio an den Flughafen bringt. Hier angekommen liegen nun 7 Stunden Aufenthalt vor uns. Unser Gepäck können wir erst 2 Stunden vor Abflug abgeben und so schleppen wir es quer durch den Flughafen auf der Suche nach einem McDonalds (auch wenn Andi jetzt Reis mehr mag als Pommes, ein Burger muss doch ab und an sein). Nachdem wir jeden Winkel des Flughafens abgesucht haben, wagen wir uns an die Information, die uns mitteilt, dass der gesuchte Fastfood-Laden beim Abflug für internationale Flüge ist. Macht Sinn, uns aber ganz schön traurig. Wohl oder übel entscheiden wir uns für Bob’s, den wir ja schon einmal mit Fernanda und Bruno auf dem Weg zur Ilha Grande besucht hatten. Andi bestellt dann aber auch gleich mal drei Menüs anstatt zwei. Das mit der Sprache ist halt schon so eine verzwickte Kiste, naja nun haben wir das also auf den Tabletts. Das muss weg, weil was der Schwabe zahlt; ihr wisst Bescheid. Nach dem Essen wollen wir eigentlich nur noch schlafen, aber weitere 5 Stunden Wartezeit liegen vor uns. Diese Zeit nutzen wir, um die Getränkekarte bei Starbucks hoch und runter zu trinken und das kostenfreie WLAN zu maltretieren. Endlich ist es zwei Stunden vor Abflug und wir werden unser Gepäck los. Euphorisch passieren wir die Sicherheitskontrollen und machen uns im Wartebereich auf die Suche nach einer Möglichkeit zu rauchen. Warum wir das schreiben? Weil es natürlich keine gibt. Nach hitziger Disskussion entschließen wir uns, den Sicherheitsbereich noch einmal zu verlassen und hoffen, dass wir wieder reinkommen. Ja ja, die Sucht. Aber alles halb so wild, wir kommen natürlich wieder rein und es geht los nach Manaus.

Wir erreichen Manaus 1:00 Uhr Ortszeit und ehe wir unser Gepäck haben ist es 1:30 Uhr. Zwei Tage zuvor hatten wir uns eine Unterkunft in Manaus organisiert und um Abholung am Flughafen gebeten. Leider haben wir keine Rückmeldung dazu bekommen und hoffen jetzt einfach, dass jemand auf uns wartet. Aber Pustekuchen. Unter den Wartenden ist niemand für uns. Nach mehreren Runden durch den Empfangsbereich und einer Beruhigungszigarette nehmen wir uns also ein Taxi zum Hostel mit 24h Rezeption. Wir fahren in eine kleine, dunkle Seitenstraße und das Haus, vor dem der Taxifahrer hält, ist stockdunkel und wir haben keine Ahnung wo wir sind. Wir machen dem Taxifahrer begreiflich (in fließendem „Hand und Fuß“), dass er bitte warten soll. Er hilft uns, findet die Klingel und bleibt bei uns – ein hilfsbereiter Brasilianer, wie immer. 10 Minuten klingeln wir Sturm und keiner öffnet. Die Hunde der Nachbarschaft sind alle wach, nur im Hostel rührt sich nichts. Es ist uns nun etwas mulmig in der Magengegend. Als wir schon aufgeben und uns irgendwie, irgendwo einen anderen Schlafplatz organisieren wollen, geht endlich das Licht an und der verschlafene Besitzer öffnet. Dass er uns abholen sollte oder dass wir in dieser Nacht kommen, hatte er irgendwie übersehen. Es ist eben einfach ein entspanntes Völkchen. Nach einer kurzen Nacht, es war dann doch 3:00 Uhr geworden, werden wir Punkt 8:00 Uhr von unserem Guide abgeholt, um in die Dolphin Lodge im Dschungel zu fahren. Im Eifer des Gefechts packt Lina gleich noch den Hostelschlüssel ein (wer rechnet denn mit pünktlichen Südamerikanern), was sie aber erst 30 Minuten später bemerkt. Netterweise verspricht man uns, den Schlüssel zurückzubringen. Es ist im Übrigen recht heiß in Manaus, die Temperaturen sinken auch in der Nacht kaum unter die 30-Grad-Marke, bereits um 8:30 Uhr zeigt das Thermometer 37 Grad. Wir versuchen noch an einer Bank Geld zu holen, da man in der Lodge nur bar bezahlen kann. Leider scheitert der Versuch bei uns beiden und wir bekommen kein Geld, was uns leider in letzter Zeit häufiger passiert. Nach einiger Ratlosigkeit auf unserer und der Seite des Guides, sagt man uns, dass wir die Rechnung auch im Nachgang in Manaus per Kreditkarte zahlen können und so fahren wir los mit nur einem Notgroschen im Portemonnaie. Dafür aber auch mit einem unserer großen Rucksäcke weniger: in den Dschungel dürfen wir nur einen mitnehmen, da das Kanu, welches für den letzten Teil der Reise herangezogen wird, nicht mehr fassen kann – beruhigend. Der erste Part der Reise führt uns zum Hafen von Manaus, wo wir mit einem Schnellboot auf die andere Flussseite (Careiro da Várzea) übersetzen. Hier treffen sich Rio Negro und Rio Solimões und bilden den wasserreichsten Fluss der Welt, den Amazonas. Dieses Schauspiel ist sehr beeindruckend und wird in jedem Reiseführer bei einem Manaus-Besuch als Must-See ausgewiesen (Meeting of the Waters). Der langsamere, wärmere und dunkle Rio Negro, fließt hier auf 6km neben dem hellen Rio Solimões, erst danach vermischen sich die beiden Flüsse. Auf der anderen Seite angekommen, fühlen wir uns schon ziemlich abseits der Zivilisation. Dann sagt unser, ausnahmsweise englischsprechender Guide, dass er uns hier verlässt und der Fahrer uns zur Stelle bringt, von wo ab wir mit dem Kanu zur Lodge fahren. Die Fahrt im uralten VW-Bulli geht noch ein paar Minuten auf asphaltierten Straßen weiter, ehe der Untergrund in roten Lehm übergeht. Sehr ursprünglich das Auto, die Natur usw. Am Ende der Zivilisation angekommen, steht dort, mehr oder minder, plötzlich ein Hüttchen. Ah, das ist unser Umsteigeplatz. Es geht ins Kanu, was jedoch einen Motor aufgesetzt hat. Schon das Betreten des kleinen Wasserfahrzeuges stellt uns vor einige Herausforderungen. Diese meistern wir aber ohne dass einer von uns oder das Gepäck im Fluss versinken. Unsere Bewegungen sind dabei wohl so grazil, dass uns Lachen und Applaus der Einheimischen zuteil wird. Schon auf den ersten Metern ändert sich die Umgebung und wir sind an beiden Ufern ausschließlich von unfassbar grünem, dichten und hohem Wald umgeben. Nach weiteren 90 popozermürbenden Minuten kommen wir in der Dolphin Lodge an. Mittlerweile ist es 12:00Uhr mittags, wir sind also seit 4h unterwegs. Das Klima kann man hier durchaus als schwül-heiß bezeichnen, das liegt den Europäern. Es wartet bereits ein Welcome-Drink (natürlich kein Saft oder so Zeugs, sondern Caipirinha, wir sind ja schließlich in Brasilien) auf uns. Und wehe irgendjemand macht uns den jetzt streitig. Macht, zum Glück für alle, keiner! Nach einem überraschend leckeren Mittagessen um 13Uhr, sehen wir bis zu unserer ersten Exkursion, die um 15Uhr starten wird, auf dem Gelände bereits große Leguane (Green Iguana) und Totenkopfäffchen (Common Squirrel Monkey). Unser Zimmer ist sehr spartanisch (Doppelbett, Einzelbett (warum auch immer) und ein Stuhl). Moe, unser Guide, Besitzer und Gründer der Lodge ist super. Spricht Englisch, ist extrem nett und hat einen tollen Humor. Nachdem er uns erklärt hat, dass wir Wasser, Moskitospray, Sonnencreme und einen Hut mitnehmen sollen, bittet er uns dann auch pünktlich um 15:00Uhr zu unserer ersten Exkursion. Nach ein paar Minuten Fahrt auf dem offenen Fluss, biegen wir mit unserem Mini-Gefährt in Richtung Bäume ab. Moe macht den Motor aus und beginnt zu paddeln. Unter den Bäumen im Wasser ist die Luft zwar etwas kühler, die Luftfeuchtigkeit aber nahe 100%. Die Bäume ragen von wenigen Zentimetern bis zu 30 Metern aus dem Wasser und dazwischen ist etliches Grünzeug. Unser Boot füllt sich langsam mit Wasser. Das irritiert Moe, im Gegensatz zu uns, aber überhaupt nicht. Manchmal hört er auf zu paddeln und schaufelt das Wasser mit einem Gefäß aus dem Kanu. Da die Kante des Bootes nur ca. 15cm über der Wasseroberfläche ist, ragt vieles vom Grünzeug in unser Boot. Nach der zweiten größeren Spinne und vielen sechsbeinigen Freunden, die sich auf diesem Weg in unser Boot verirren, beschließen wir, dass es nichts nützt, die Tierchen irgendwie aus dem Boot zu bugsieren. Aus diesem Grund schauen wir ab sofort einfach nicht mehr ins Boot, sondern nur noch heraus. Nach ein paar Minuten hilft diese extrem einfallsreiche Taktik tatsächlich und wir wissen bzw zählen nicht mehr, was neben den drei Homo sapiens sonst noch so mitfährt. Außerdem sehen wir eine kleine Leguanart (Goldenscale Anole), die über uns auf einem Ast sitzt und eine Baumratte (Tree Rat), die wir ziemlich groß finden. Und natürlich unzählige Vogelarten: Horned Screamer, Wattled Jacana, Hoatzin, Muscovy Duck, Black-collared Hawk, Greater Ani, Spot-breasted Woodpecker und viele mehr. Als wir mit einem dieser fantastischen Vögel beschäftigt sind, platscht es neben uns im Wasser sehr laut. Lina erschrickt dermaßen, dass das Boot fast kentert. Moe schaut einmal kurz und bekommt dann einen Lachanfall. Es war kein Kaiman, wie Lina vermutete, sondern ein Pirarucu, ein zwar riesiger, aber vollkommen harmloser Fisch. Beim Abendessen erklärt uns Moe dann, dass die hier lebenden Kaimane bis zu 7m lang werden können, es eben so lange Anakondas und Wasserkühe gibt, vor denen uns das Boot nicht beschützt hätte. Und Lina erschrickt wegen einem Pirarucu. Mal schauen, ob uns nochmals jemand zu so einer Kanuexkursion überreden kann. In Deutschland hat Andi jetzt schon Geburtstag. Da das hier aber nicht der Fall ist und wir nach diesem unfassbaren Tag einfach nur noch ins Bett wollen, fällt eine Feier flach. Nach einem weiteren leckeren Caipi für ca. 1,50€ und einem wunderbaren Sonnenuntergang dürfen wir uns dann auch endlich ins Bett begeben.

 

3. September 2015

Piranhas und Kaimane zum Geburtstag

06:30 Uhr – der Wecker klingelt und Andi hat Geburtstag, jetzt auch in Brasilien. Als Geburtstagsgeschenk stehen heute der Besuch einer einheimischen Familie, Piranha fischen und Kaiman catchen auf dem Programm. Vor allem auf den ersten Tagespunkt freuen wir uns, denn wir lieben es, alleine Einheimische zu besuchen, deren Sprache man nicht spricht und deren Leben man wie im Zoo begutachtet. Aber wie sagt man Moe, dass man den Trip lieber nicht machen will und die ursprüngliche Lebensweise lieber nicht kennenlernen will? Wir diskutieren und einigen uns auf Augen zu und durch. Moe sagt uns noch, dass wir ein Geschenk mit zur Familie nehmen sollen. Aber woher nehmen wenn nicht stehlen? Natürlich haben wir nichts dabei, was die Familie gebrauchen könnte, aber Geld geht wohl auch. Bevor es losgeht legen noch ein paar Fischer an Moes Steg an und wir können ihren Fang begutachten. Dabei ist der riesige Fisch vor dem Lina gestern so erschrocken ist. Die Geschichte hat wohl auch schon die Runde gemacht, denn der Staff der Lodge macht dazu unmissverständliche Witze auf Linas Kosten – na wenigstens einer hat Spaß. In den Beifang ist aber leider auch ein Kaiman geraten, der schon eine ordentliche Größe erreicht hat. Da der Haken sich aber zu tief verhängt hat ist das Tier leider nicht mehr zu retten und wird in Kürze den größeren Landtieren (wie Pumas) als Snack zur Verfügung gestellt. Bevor das offizielle Programm des Tages startet, zieht auch noch ein pinker Delfin an der Lodge vorbei. Dann geht es los – nach etwa 45 Minuten Fahrt mit dem Kanu durch diverse Kanäle kommen wir bei der Familie an. Die Familie lebt vom Fischfang mit Pfeil und Bogen, selbstgebauter Harpune und Maniokanbau und Verarbeitung sowie wohl den Einnahmen aus der Besichtigung. Moe zeigt uns die Produktionsstätte von Maniok und erklärt uns den Prozess. Es hat bereits gefühlte 40 Grad, aber die Produktionsstätte ist zum Glück im Schatten, was Andi nicht davon abhält zu triefen. Weiter geht es zum Maniokfeld, das natürlich auch noch begutachtet werden muss. Bei voller Sonneneinstrahlung stehen wir jetzt also auf dem Feld ohne Schatten und lauschen Moes ausführlichen Erklärungen. Andi ist nur noch ein Häufchen Elend, der Schweiß läuft in Strömen und er darf sich den Anbau von Maniok erklären lassen und Lina ist auch noch interessiert und fragt nach – sch…. Start in den Geburtstag! Vom Maniok-Feld geht es auf die Bananenplantage und weitere Erklärungen folgen. Bei uns drängt sich die Frage nach der Bananaspider auf, die einen aus den Bananenpflanzen anspringt und deren Biss tödlich enden kann. Wir schieben unser Unwohlsein auf Andis schwitzen und verlassen die Plantage. Zurück im Garten der Familie erklärt Moe jede Pflanze. Andi ist genervt und schwitzt. Dann kommt der noch unangenehmere Teil. Moe bringt uns zu der Familie ins Haus. Die Mama, zwei Töchter und zwei Söhne sind anwesend. Wir werden nett begrüßt und uns wird Wasser und Maniok angeboten. Weiter nimmt keiner Notiz von uns. Moe erklärt, dass in diesem Teil des Regenwaldes erst vor 3 Jahren der Strom eingeführt wurde. Wir sind überrascht, da die kleine Tochter im Fernsehen Spongebob schaut und die größere in ein Tablet vertieft ist. Nur die Buben interessiert der technische Quatsch nicht, sie bauen lieber Steinschleudern. Im Haus, welches wie immer im Amazonas, auf Stelzen gebaut ist, ist es erstaunlich kühl und Andi kann sich etwas akklimatisieren. Nach 5 Minuten ist die Besichtigung vorbei, wir übergeben unser Geld, über das sich die Dame des Hauses auch sehr freut, und wir machen uns auf den Rückweg. Auf einem See machen wir halt und sehen pinke Delfine. Naja sehen ist übertrieben. Moe zeigt immer irgendwohin und wenn wir es geschafft haben in die Richtung zu schauen, sehen wir noch einen Rest der Flosse abtauchen. Lina versucht noch vergeblich eines der Tiere vor die Kameralinse zu bekommen, dann hat Andi die Schnauze voll von der prallen Sonne und wir fahren zurück zur Lodge. Dort angekommen, gibt es einen Caipi im Schatten und neue Gäste kommen an. Wir sind erleichtert, denn so alleine mit 7 Mann Staff ist irgendwie auch doof. Es sind zwei Mädels aus Deutschland und Überraschung: Münchnerinnen (aber echte)… die Welt ist soooo klein oder Oberbayern mögen einfach die gleichen Reiseziele wie wir. Andi blüht förmlich auf mit 3 Mädels an seiner Seite – wer will es ihm verdenken? Nach dem Mittag, einer Runde Kniffel mit unseren neuen Mitreisenden und einem erfrischenden Bad im Amazonas geht es zum Piranha fischen, das mit einer Kanutour durch das Unterholz des Amazonas komplettiert wird. Wir sehen einige Affen, Aras und wohl auch einen Tucan, aber sowohl unsere Augen als auch die Kamera sind zu langsam um diese Schauspiele tatsächlich wahrzunehmen. Wir haben selbstgebastelte Angeln aus Bambus dabei, die wir an verschiedensten Stellen vergeblich ins Wasser halten. Dann haben wir die richtige Stelle gefunden und die Viecher beißen wie verrückt. Nur leider sind wir oft zu langsam und das Futter ist weg und der Fisch auch… Aber dann ist es vollbracht! Erst zieht Andi einen der kleinen Beißerchen aus dem Wasser und kurze Zeit später Lina, die wir aber wegen der zur kleinen Größe nicht mit zum Abendbrot nehmen, sondern wieder in die Freiheit entlassen. Die Piranhas sind glitschig (oh Wunder) und wir müssen aufpassen, dass wir mit den Händen nicht in die Nähe des Mauls kommen, da die wohl ganz schön zubeißen können (hättet ihr es geahnt?). Die beiden Mädels aus München fangen beide keinen – einfach zu tierlieb die beiden… Wollen den Fischen halt nur etwas zu essen da lassen.

Zurück in der Unterkunft gibt es frischen Fisch zum Abendessen und Annelie erzählt, dass sie bei Amazon arbeitet, was einige Verwirrung bei Moe auslöst, die erst einmal aufgeklärt werden muss und uns einige Lacher beschert. Zum Dessert gibt es eine kleine Überraschung für Andi. Das Licht im Essensraum erlischt und Lina kommt mit dem gesammelten Staff der Lodge und einem Schokokuchen mit Kerze aus der Küche. Alle singen Happy Birthday in ihrer Sprache und Andi ist leicht beschämt, freut sich aber sehr. Alle verputzen den Kuchen. Viel Zeit ist aber nicht, wir gehen ja noch zum Kaiman catchen. Wie immer geht es mit dem Kanu los, nur diesmal in völliger Finsternis. Der Sternenhimmel ist überwältigend. Hier sind natürlich nirgends Lichter und wir wären nie auf die Idee gekommen, nachts auf den Fluss zu fahren. Aber souverän wie ein Leuchtturm steht Moe an der Spitze des Kanus. Mit einer Stirnleuchte auf dem Kopf bewaffnet, versucht er im Dickicht am Ufer die reflektierenden Augen der Kaimane zu finden. Dann geht es los: Moe gibt dem Fahrer ein Zeichen und wir rasen auf das Dickicht zu. Moe wirft sich längs hin und greift in das Dickicht – Nichts! Es geht wieder zurück auf den Fluss und die Suche geht weiter. Nach einigen Fehlversuchen, das Unglaubliche: Moe schmeißt sich nach vorne, greift ins Gebüsch und hat tatsächlich einen Kaiman in der Hand, der faucht und strampelt. Das Tier ist beeindruckend und Andi darf es zur Feier des Tages, nach einem kurzen Briefing: always shut its mouth, in die Hand nehmen. Natürlich gibt Moe genaue Anweisungen wie man das Tier von ca. einem Meter Länge halten muss, denn es kann „serious damage“ anrichten. Andi ist völlig hin und weg, dieses Urzeitwesen in der Hand zu halten und dessen Kraft zu spüren. Die drei Mädels verzichten auf diese Erfahrung. Auf dem Rückweg zeigt uns Moe noch die vielen leuchtenden Kaimanaugen unter unserer Hütte (beruhigend) und wir lassen den Abend bei einer Flasche Geburtstagswein ausklingen, um dann 23:00 Uhr todmüde ins Bett zu fallen.

04. September 2015

Weiterbildung in Sachen Natur

Der Wecker klingelt wieder um 06:30 Uhr und nach dem Frühstück geht’s  via Dschungelwalk bei gefühlten 100 Grad zur Gummimanufaktur. Wir erfahren, dass Gummi aus Baumharz gewonnen wird und für den frühen Reichtum der Region um Manaus und das Interesse der Portugiesen am Amazonas verantwortlich ist. In einer kleinen Hütte wird das Harz immer und immer wieder erhitzt, sodass Gummi entsteht. Ein zeitaufreibender und heißer Job, bei dem früher viele Menschen ihr Leben gelassen haben. Vor allem Brasilianer aus dem Süden wurden zum Arbeiten eingesetzt und im Dschungel ausgesetzt um das Latex zu gewinnen. Aber da die keine Ahnung hatten, wie man im Dschungel überlebt, sind sie zu Tausenden gestorben. Wenn man diese Geschichten hört, schämt man sich fast wieder einmal, Europäer zu sein. Nach dem Mittag ist heute dann auch tatsächlich ein Mittagsschlaf angesagt, bevor es am Nachmittag zum größten Baum der Gegend geht. Sehr beeindruckend – aber leider, untypisch für diese Jahreszeit, 50 cm unter Wasser, weswegen wir ihn vom Boot aus begutachten und ihn nicht zu Fuß umrunden können. Der Baum ist am Grund rund 8 Meter breit, in der Mitte noch etwa 4 Meter und über 40 Meter hoch – da kommt man sich winzig und unbedeutend vor. Wirklich wieder beeindruckend. Unterwegs sehen wir endlich ein Faultier! Und Lina hat es entdeckt! Leider verabschiedet es sich ziemlich schnell (von wegen faul, flink sind die Dinger) in die Baumkronen. Daneben erspähen wir wieder zahlreiche Vögel und anderes Getier, das aber wie immer zu schüchtern für eine Fotosession ist und sich lieber ganz schnell in den Bäumen und Büschen versteckt. Einzig die Affen lassen sich heute ausnahmsweise mal in Gänze fotografieren. Die Insekten machen uns hier fertig, wir sind nun beide von oben bis unten zerstochen, wie wir es noch nie erlebt haben und jede Minute kommen neue Stiche dazu. Besonders fies sind die Horseflys, die sich unbemerkt setzen, richtig gemein zubeißen und sich dann an unserem Blut satt futtern. Die Bisse jucken wie die Hölle über mehrere Tage und hinterlassen richtige kleine Löcher und haben die Fliegen dich erst einmal entdeckt, lassen sie sich durch nichts abschütteln oder verjagen. Wir beschließen in unserem nächsten Leben kein Pferd zu werden.

05. September 2015

It’s a hard live 🎶

04:45 – der Wecker klingelt. 05:30 geht es los, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Pünktlich starten wir und der Himmel verfärbt sich von dunkelrot zu hellrosa – alles in unserem Rücken, während wir mit dem Boot über den Amazonas, wohin auch immer, rasen. Wir sind uns sicher, den Sonnenaufgang verpasst zu haben und Lina flucht „das passiert, wenn man Männer (Moe) romantische Momente planen lässt! Um 4:45 aufstehen, um den Sonnenaufgang im Rücken zu haben, brrrr.“ Dann stoppen wir und von dem Rot des Himmels ist nichts mehr zu sehen. Wir sind enttäuscht und verstehen nicht, warum Moe die ganze Zeit auf das verblassende Rosa blickt – zu spät, rum ums Eck – blöd. Dann auf einmal schiebt sich ein rot glühender Streifen in unser Sichtfeld, der binnen kürzester Zeit zu einer flammenden Kugel mutiert, die über dem Regenwald mit Blick über den Fluss auftaucht. Das ist also der Sonnenaufgang! Es ist phantastisch und atemberaubend. Lina verzeiht Moe und ist beschämt. Nach dem Frühstück steht ein Dschungelwalk auf dem Programm. Ein Guide fährt uns mitten in den Dschungel, den Primärwald, in dem noch kein Mensch wirklich Hand angelegt hat und Moe wird sich mit uns den Weg zurück in die Lodge bahnen. Moe schlägt sich mit uns durch das Unterholz, die Machete immer griffbereit, da der Wald so dicht ist, dass man keine 10 Meter schauen kann. Es ist zwar erst 9 Uhr aber schon wieder unerträglich heiß und die Luftfeuchtigkeit im Unterholz liegt bei fast annähernd 100%. Alle schwitzen ganz fürchterlich und werden von den Moskitos attackiert, aber die Dinge die Moe uns zeigt und erklärt sind so interessant, dass man die Qualen vergisst (der eine mehr, der andere weniger  – und jetzt ratet mal). Wir sehen Brüllaffen, todbringende (Zitter-)Aale und endlich den Albtraum schlafloser Nächte: handtellergroße Spinnen, die Moe mit einem Stöckchen aus ihren Löchern lockt und Tarantula diesen sofort mit in ihr Loch ziehen will. Tatsächlich sind wir eher fasziniert als angeekelt. Nach 3-stündigem Walk wären wir bestens ausgerüstet, um im Dschungel überleben zu können, zumindest theoretisch (das Wollen und die Praxis stehen aber auf einem anderen Blatt). Nach dem Mittag verlassen uns die beiden Mädels aus München, erst einmal Richtung Nordküste und anschfließend zum Oktoberfest. Nach dem Mittagsschlaf geht es wieder los. Eigentlich sind wir völlig fertig und wollen weiterschlafen, andererseits haben wir auch Angst etwas zu verpassen. Wir machen uns auf die Suche nach Delfinen und sehen mehrere graue und pinke Exemplare. Leider ist Lina immer zu langsam mit der Kamera, sodass nur Teile der Delfine für die Nachwelt festgehalten werden. Nebenbei ist Moe auf der Suche nach Kaimanen, die seinem Ruf (ahhhh, krkrkrkr) auch antworten. Auf einmal schallt es unglaublich tief, röhrig und unfassbar laut über den Fluss – ein sehr bedrohliches, urzeitliches Geräusch. Selbst Moe ist ganz aufgeregt und sagt, dass das ein Tier von mindestens 6 Metern ist, wir aber lieber nicht hinfahren sollten. Direkt im Anschluss, es ist bereits dunkel, geht es noch einmal zum Kaiman catchen, um auch die heute angekommenen Wahl-Australier daran teilhaben zu lassen. Auch diesmal wieder ein faszinierendes Erlebnis was davon gekrönt wird, dass der Kaiman Andi aufs T-Shirt uriniert, was mächtig männlich riecht. Nun ist er das Gespött des Bootes, aber es wird auf einer Party wohl keinen Zweiten geben, der erzählen kann, mal von einem wilden Kaiman angepinkelt worden zu sein. Zurück in der Unterkunft ist unsere saubere Wäsche nun endgültig aufgebraucht, dank schwitzen oder Lulu von Wildtieren, und wir sind mächtig geschlaucht.

06./ 07. September 2015

Das zivile Leben schätzen

Nach einem ersten gemütlichen Morgen geht es via Kanu, Minibus, Boot und Auto zurück in die Zivilisation. Während der Fahrt mit dem Minibus auf der Schotterpiste raus aus dem Dschungel, versagt dieser seinen Dienst und wir sehen uns schon wieder zurück zur Lodge laufen. Der Fahrer repariert ihn aber binnen kürzester Zeit mit seinem Repair-Kit, das bei dem Auto wohl häufiger in Gebrauch ist. Wohlbehalten im Hotel in Manaus angekommen wird uns beim Blick aus dem Fenster im 8. Stock die Größe dieser Stadt bewusst. Über 2 Mio. Menschen in einer Stadt, bzw auf einem Fleck mitten im Dschungel, irgendwie schwer zu fassen. Nach ausgiebiger Dusche fühlen wir uns wieder menschlich, auch wenn wir wegen der vielen Stiche nicht so aussehen. Wir trinken kühles Bier, springen in den Pool auf dem Dach (über 14. Stock) und sind einfach nur geplättet von den Eindrücken der letzten Tage.

Am nächsten Morgen machen wir uns daran unsere Kleidung in der Dusche zu waschen, da wir nichts (also nichts, nichts, nichts) mehr haben was nicht völlig durchgeschweißt ist und der Wäscheservice des Hotel pro T-Shirt 3,50 € verlangt. Daneben müssen wir planen wo wir morgen hinwollen, einen Flug dorthin buchen und eine Unterkunft. Wir kommen überein, dass wir dringend Urlaub vom Reisen brauchen und einfach mal nur ans Meer wollen und das ohne weitere Ausflüge. So fällt unsere Wahl auf die Küste von Fortaleza, die in kurzer Zeit von Manaus zu erreichen ist. Der Flieger geht noch in der gleichen Nacht um 02:07 Uhr. Schlafen fällt also flach und wir machen uns auf den Weg. Mehr dazu in Kürze (diesmal wirklich – also vielleicht…)